Die Presse (Austria)
Thomas Seifert
Thursday, November 11, 2010

Beim G20-Gipfel wird eine neue Weltwährungsarchitektur vorbereitet. Außer den Chinesen haben auch die Europäer, Indien oder die OPEC-Länder ein Interesse an einer Reform des Währungssystems.

[Seoul]Eine Stadt im G20-Fieber. Yoo Lee, eine 25-jährige Englisch-Studentin, aus Seoul strahlt über das ganze Gesicht. Sie ist stolz darauf, dass Südkorea das erste asiatische Gastgeberland der G20 sein kann. „Viele Menschen glauben, in Korea sei es gefährlich, wegen all der schlimmen Nachrichten, die immer aus Nordkorea kommen. Aber wenn man sich hier umsieht, dann findet man eine Hightech-Nation mit dynamischen Menschen voller Energie“, sagt sie und straht über das ganze Gesicht. Nur das Wetter spiele nicht mit, sagt sie und zieht trotzig ihre Wollhaube tiefer ins Gesicht. Das feuchtkalte Wetter hat am Abend alle Menschen vom Rathausplatz vertrieben, wo sich Korea eigentlich mit Lasershow und Darbietungen auf der Bühne von seiner besten Seite zeigen wollte.

„Wie kann ich helfen?“

Acht Kilometer südöstlich von hier läuft der Gipfelbetrieb im COEX-Konferenz- und Ausstellungszentrum im Bezirk Gangnam-Gu langsam an. Überall junge freundliche Koreaner mit großen „How can I help you – Wie kann ich Ihnen helfen?“-Buttons auf ihren G20-Hemden. Sollte dieser Gipfel scheitern, an der Organisation der Koreaner wird es jedenfalls nicht gelegen sein. „Perfekt“, sagen alle, die Ende Juni in Toronto dabei waren.

Aber die Probleme sind seit dem Sommer nicht kleiner geworden: Der brasilianische Finanzminister Guido Mantega hat im September ausgesprochen, was in Expertenkreisen bereits seit Längerem diskutiert wurde – es tobt ein Währungskrieg, die USA haben eine Abwertungsspirale in Gang gesetzt. Der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Mexikaner Angel Gurría meint zwar, dass die Gefahr eines offenen Währungskrieges zwischen den USA und China gebannt ist, gibt aber zu, dass der Weltwirtschaft turbulente Zeiten bevorstehen: „Nach einer Krise gibt es immer eine halsabschneiderische Konkurrenz. Die verloren gegangenen Jobs wollen zurückgeholt, Boden wiedergutgemacht werden. Solange das Haus brannte, wusste jeder, was zu tun ist: löschen. Jetzt geht eben das Gezänk los.“ Es gehe darum, dass sich alle nun wieder an die Regeln halten: „Die Weltwirtschaft ist eine Maschine. Manchmal muss man eben ein wenig herumbasteln“, meint er auf eine Frage der „Presse“ und schiebt einen launigen Kommentar hinterher: „Aber warum machen Sie sich als Österreicher überhaupt Sorgen? Wenn man sich die Arbeitslosenrate von Österreich ansieht, dann hat man das Gefühl, dass im Land einiges richtig gemacht wird.“ Was die Handelsungleichgewichte betrifft, da sieht er „mehr Rauch als Feuer“, und von der vor einigen Tagen von Weltbank-Chef Robert Zoellick ins Spiel gebrachten Renaissance des Goldstandards hält Gurría wenig.

Beim Briefing des EU-Duos Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy klingen die Probleme dennoch durch: „Die Währungen müssen die Realitäten widerspiegeln. Wir akzeptieren aber, dass das nicht über Nacht passieren kann.“ Die Chinesen hätten ja versprochen, dass die chinesische Währung Yuan-Renminbi aufwerten könnte.

Anfang vom Ende?

Der China-Experte vom Centre for International Governance Innovation Gregory T. Chin ist da weniger diplomatisch. „Die Chinesen wollen ein multipolares Währungssystem, in dem auch Gold wieder eine wichtigere Rolle spielen könnte. In Nicolas Sarkozy könnten sie einen Partner gefunden haben.“ Obama könnte in Seoul und kommendes Jahr in Cannes in Bedrängnis geraten: Denn außer den Chinesen haben auch die Europäer, Indien oder die OPEC-Länder ein Interesse an einer Reform des Währungssystems. Geht es nach Gregory T. Chin, ist das nicht das Ende der Dominanz des Dollar, aber vielleicht der Anfang vom Ende.